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Du bekommst, was Du bezahlst

Bei vielen von uns macht sich die Einsicht breit, dass man sich bei relevanten Services nicht auf solche verlassen sollte, die kostenlos und ohne erkennbares Geschäftsmodell daher kommen. Posterous hat das viele von uns auf die harte Tour gelehrt, Twitter lehrt uns dies auf andere Weise. Ein kostenloser Service, der kein Income hat, hat eigentlich nur drei Möglichkeiten: Sich Hände ringend ein Geschäftsmodell zu suchen, so wie Twitter das im Moment offenbar tut, sich aufkaufen zu lassen und einem Eigner mit mit finanzieller Power die Probleme zu überlassen, oder schlicht an den Kosten und der Konkurrenz zu sterben wie z.B. picplz.

Dies beschreibt Dalton Caldwell, Gründer von picplz, in einem interessantem Artikel. Sein Fazit aus dem "Gelernten" ist nun, einen Service aufzuziehen, der von Anfang an ein klares Geschäftsmodell hat und nicht werbefinanziert ist: app.net. Aus eigener Erfahrung kann ich dem Artikel in vielen Punkten zustimmen. Auch ich würde nicht mehr "relevante Daten" einem Service anvertrauen, von dem ich nicht weiß, wie lange er überleben wird, und auch mir wäre das durchaus Geld wert, das sicher zu stellen.

Allerdings macht Dalton in meinen Augen da ein paar Fehler:

Geschäftsmodell

Er vergleicht SourceForge mit Github, zwei Services die Benutzern eine zentrale Sourcecode Versionierung anbieten. SourceForge trat den Versuch an, sich über Werbung zu finanzieren, wohingegen GitHub völlig werbefrei ist und sich über den Verkauf spezieller Features gut finanziert. GitHub ist inzwischen sehr erfolgreich und beliebt, SourceForge nicht wirklich.. Er nimmt dies zum Anlass, auch sein neues Produkt von den Benutzern finanzieren zu lassen.

Allerdings sind das Geschäftsmodell von GitHub und das von app.net grundverschieden. App.net ist eine "Plattform für soziale Netzwerke", eine erste Ausprägung ist ein Twitter Clone. Wer diesem Netzwerk beitreten möchte und dieses mit Inhalten befüllen möchte, muss $50/Jahr zahlen. Wer für diesen Service entwickeln will, muss offenbar sogar $100 bezahlen. GitHubs Geschäftsmodell ist da ganz anders: Es ist prinzipiell erst einmal kostenlos, wodurch es viele Benutzer anzieht und schnell eine Relevanz erreicht hat. Finanziert wird GitHub durch die Power User, die einen verlässlichen Service sowie weitere Features haben wollen und dafür gerne bereit sind, etwas zu zahlen. GitHub bietet zusätzlich Freier Software kostenlose Power Accounts an, wodurch seine Relevanz sogar noch stieg.

Dieses Geschäftsmodell erscheint gesund und klar zu verstehen: Man zahlt für Features, die man sonst in der Güte nicht bekommen kann. App.net lässt sich dahingegen allerdings bezahlen, was für App.net lebensnotwendig ist: Inhalt. Ohne Inhalt wird es nie eine Relevanz erreichen.

Die kritische Masse

Egal wie gut solche Services sein mögen: Ihr Erfolg ist eng mit der Anzahl der aktiven Benutzer gekoppelt, die das Netzwerk benutzen. Das hat uns Diaspoa deutlich gelehrt. Caldwell bezieht sich auf einen anderen Artikel und zitiert diesen, dass die kritische Masse für einen solchen Service "10.000 top hackers" haben muss. Allerdings unterschlägt er dabei das entscheidende Wort "top" und sagt: Für sein Netzwerk sieht er 10k Benutzer als kritische Masse an. Dabei scheint er zu übersehen, dass die in dem zitierten Artikel erwähnten "top hackers" natürlich einen riesigen long tail an "Followern" mitbringen. Diese kann es bei app.net eigentlich nicht geben, denn von denen dürften sicher wenige $50 pro Jahr für so einen Service zahlen.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass man bezahlen muss, wenn man für sie "arbeiten" will. An den Änderungen in Twitters Geschäftsmodell in letzter Zeit wird oft (in meinen Augen zu recht) kritisiert, dass Twitter nicht unerheblich deshalb so relevant wurde, weil viele Anwendungen für diese Plattform geschrieben wurden. Für dieses Netzwerk gab es im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Netzwerken wie Identica sehr schnell viele Clients und Apps, die Twitter benutzten und es weiter mit relevantem Inhalt und neuen Benutzern füllten. Dass dort nun App Entwickler verschreckt werden sollen, wird zu recht moniert und bewirkt einen Sturm der Entrüstung, der einige nun offenbar zu Services wie App.net treibt. Auch Diaspora hat das Problem gezeigt: Es gab nicht mal eine vernünftige API, mit der man für diese Plattform programmieren konnte, wodurch Diaspora ein in sich geschlossenes Netzwerk und für viele (mich z.B.) schnell uninteressant wurde.

So was kann sich erlauben, wer keine Konkurrenz befürchtet, wie Apple mit ihrem AppStore oder eben Twitter. Ein neuer Service, der seine Relevanz erst beweisen muss, kann das meiner Meinung nach nicht.

Fazit

Auf App.net bin ich gestoßen, weil es immer mal wieder auf Twitter erwähnt wird und weil Robert Lender mich darauf mit einer Anfrage aufmerksam gemacht hat. Wie oben geschrieben bin ich durchaus bereit, für gute Services gutes Geld zu zahlen. Wenn ich ein geschlossenes Repository auf GitHub hosten wollte, wäre mir das durchaus das Geld wert, das es kostet.

Das Geschäftsmodell von App.net fühlt sich für mich jedoch von Grund auf falsch an. Ich wollte z.B. erst einmal nur rein schauen, was es kann, was man damit machen kann usw, und werde dabei durch eine Eingabemaske für meine Kreditkarten Daten abgeschreckt. Ich denke, so wird es vielen gehen..

Wenn App.net Glück hat, kann es damit ein geschlossenes Netzwerk für Elite Benutzer werden:

Jedoch frage ich mich, warum man ein Netzwerk bezahlen sollte, das man nur mit wenigen teilen kann, wenn es Netzwerke gibt, bei denen man mit den selben wenigen aber zusätzlich mit vielen anderen teilen kann.

Benutzt ihr App.net? Ist eure Bereitschaft für Services zu zahlen durch die in der letzten Zeit gemachten Erfahrungen gestiegen? Letzteres kann ich für mich durchaus bejahen, jedoch scheint mir App.net den falschen Weg einzuschlagen.

Trackbacks

BenWagener

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Kommentare

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Matthias Mees

Matthias Mees Auf Twitter lesen: am :

Ich bin noch nicht auf app.net. Zum einen, weil ich 40€/Jahr für etwas, das im Moment kaum mehr als eine Spielwiese für early adopter und von Twitter Genervte ist, noch relativ viel Geld finde, zum anderen, weil ich (wie Du anscheinend auch) nicht glaube, dass app.net mehr als eine Nischenlösung werden kann.

Wie so etwas weiterlaufen kann (nicht muss), sieht man ziemlich gut an G+. Es gibt scheinbar eine überschaubare Community, die es toll findet und benutzt, aber der Löwenanteil der „Massennutzer“ guckt vielleicht alle 4 Wochen einmal rein und findet es dann unspannend. Ich kenne Leute, die „alles andere kappen und nur noch G+ benutzen“ wollten, mittlerweile aber auf Facebook aktiver sind als auf G+.

Vor allem aber sehe ich bei app.net noch gar nicht, dass das, wofür man im Moment als Nutzer bezahlt, ein Dienst sein und bleiben wird. Meinem Verständnis nach (ich kann mich täuschen) ist das, was man da im Moment nutzt, so eine Art „proof of concept“ – was sie eigentlich aber verkaufen wollen, ist die „Engine“ dahinter.

Wenn ich, wie gesagt, das alles richtig verstanden habe, was nicht sein muss. Aber so lange das für mich so unklar ist, werfe ich denen kein Geld hinter her. So werden das etliche Nicht-Geeks auch sehen – kaum jemand, der derzeit Twitter als Privatperson nutzt, wird für app.net bezahlen. Und wie man an Diaspora schön gesehen hat: Der Dienst kann technisch noch so toll sein, soziale Netzwerke brauchen vor allem aktive Benutzer, um sich durchzusetzen …

Matthias Mees schrieb auch: Welcher Webhoster ist der Richtige?

Grischa

Grischa Auf Twitter lesen: am :

Sehe ich ganz genauso wie Du, Matthias. Ich sehe zwar immer mehr, dass wir uns von dem alten "alles kostenlos" Web zumindest in Teilen verabschieden müssen, aber das muss dann auch irgendwie Sinn machen.

Ich zahle nichts für etwas von dem ich nicht mal weiß, ob es mir irgendwas bringt. Erst recht nicht für einen Service, bei dessen Geschäftsmodell ich im Moment noch davon ausgehe, dass das über kurz oder lang eine Totgeburt sein muss..

Was glaube ich gut funktioniert, sind derzeit die "Freemium" Modelle. Also Geschäftsmodelle, die erst mal eine kostenlose Benutzung erlauben, bei Extras oder längerer Benutzung dann aber anfangen, etwas zu kosten. Als zufällige Beispiele haben Angry Birds und GitHub solche Geschäftsmodelle. Beide sind sehr erfolgreich sowohl finanziell wie auch in der Relevanz / Akzeptanz.

Mario

Mario Auf Twitter lesen: am :

Gerade bei sozialen Netzwerken verhalten sich m.E. die Benutzer stark nach dem Herden-Prinzip. Man zieht nur dann zur nächsten Wiese weiter, wenn die neue Wiese besseres oder neues Futter verspricht. Wenn die ersten Kundschafter das bestätigen zieht die Herde nach.

So habe ich es vor einiger Zeit bei Wer-kennt-wen und Facebook erlebt. Fast alle Kontakte aus WKW sind nach Facebook weitergezogen und in WKW kaum noch aktiv. Bei Facebook gab es doch diese tollen Spiele und es sah auch viel moderner aus...

Ein neues soziales Netzwerk braucht also neue Features, die die Early-Adaptors toll finden und so den "Rest der Herde" nachziehen.

Twitter ist nochmal ein Sonderfall, weil die (derzeit noch vorhandene) Vielzahl der Nutzungsmöglichkeiten kombiniert mit der hohen vorhandenen Nutzeranzahl noch immer einen hohe Hemmschwelle für einen Wechsel darstellen.

Am Beispiel von Google+ sieht man m.E. ganz gut, dass auch eine technische bessere Plattform und vermeindlich bessere Privatsphäre kein Garant dafür sind, dass die Benutzer von einer etablierten Plattform wie Facebook wechseln. Es gibt hier nichts wirklich neues und Besseres für Otto-Normal-User.

Fazit: Ich glaube auch nicht, dass sich App.net gegen die bestehenden Plattformen durchsetzen kann, es sei denn, es bietet den Benutzern etwas neues und interessanteres an, was die Nutzer herüberzieht. Was das sein kann? Keine Ahnung...

Mario schrieb auch: Blackberry Enterprise Server für OS10 mit Active Sync

Marco

Marco am :

Was ich ja nicht verstehen, warum geht Twitter nicht einfach hin und macht ein Freemium-Modell? Wer zahlt sieht keine Werbung mehr und dessen Daten werden auch nicht mehr verwendet.

Da gibt es bestimmt genug Leute, die bereit wären zu zahlen.

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