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Wir waren E-Mail Pioniere!

Die Tagesschau berichtet über ein wichtiges Ereignis 1984: Am 2. August trifft die erste E-Mail aus den Staaten in Deutschland ein. Die deutsche E-Mail Adresse war zorn@germany, damals dachte man wohl, dass man alle potentiellen Empfänger in Deutschland durch einen einfachen Benutzernamen referenzieren können würde. Eine Domain Struktur, wie wir sie heute kennen, gab es damals offenbar noch nicht.

Das mag damals zwar die erste E-Mail aus Amerika gewesen sein, aber mit größter Wahrscheinlichkeit war es nicht die erste elektronische Mail, die diesen Weg ging. Vor dem Internet war ich Teil einer weltweiten Vernetzung von Rechnern, die man unter dem Begriff "Fidonet" zusammenfasste. Diese Rechner waren nicht, wie vom Internet bekannt, ständig vernetzt, sondern koppelten sich periodisch, um Mails auszutauschen. Die Rechner waren so genannte BBS (Bulletin Board System), in Deutschland wurden sie einfach Mailboxen genannt. Auch auf meinem eigenen Rechner war so eine Mailbox installiert, die "Space Pirate" :-).

Direkteinwahl per Modem 

Mailboxen waren nicht wie heute im Internet von "überall" zu erreichen, sondern man musste sich mit seinem Modem direkt auf der Mailbox einwählen, die man besuchen wollte. So eine Mailbox enthielt dann ein textuelles Interface, in dem man Nachrichten an weitere Benutzer der Mailbox schreiben konnte, in einem Dateibereich Software downloaden, in der Mailbox installierte Textspiele spielen oder chatten konnte, falls die Mailbox mehr als einen Zugang hatte (was selten war).

Die Mailboxen waren also für sich erst einmal getrennt, man schrieb nur an Mitglieder dieser einen Mailbox. Wollte man an Mitglieder einer anderen Mailbox schreiben, so musste man sich bei dieser anderen Mailbox einwählen, und dort schreiben und lesen. Damals gab es nur die Telekom und bei der kostete ein Anruf innerhalb der eigenen Stadt ungefähr 10 Pfennig (ca. 5ct), egal wie lang der Anruf dauerte. Lokale Mailboxen konnte man also sehr kostengünstig erreichen.

Vernetzung: Das FidoNet 

Über diese für sich separierten Mailboxen war dann das Fidonet gestülpt: Man konnte nun in seiner Mailbox auch Mails an Benutzer anderer Mailboxen schreiben, wenn man ihre Adressen innerhalb des Netzes kannte. Diese Mails wurden erst einmal lokal gespeichert. Periodisch verband sich die Mailbox dann mit ihrem HUB, einer weiteren Mailbox, die als Sammelkasten aller Mailboxen eines Subnetzes definiert war. Dort lieferte sie dann alle ihre Fidomail ab, die die Mailbox verlassen sollte, und holte beim HUB Mails ab, die für sie selbst beim HUB eingetroffen waren. Der HUB wiederum verband sich dann mit einem noch höheren HUB, wo nach dem gleichen Schema Mails ausgetauscht wurden usw. Die Welt war in Zonen eingeteilt, die höchsten HUBs waren also die Zonen HUBs.

Die Mail wurde also eigentlich auf ähnliche Weise verteilt, wie das auch im Internet funktioniert. Zonen und Unterzonen entsprachen dabei der Domain Struktur und den daran angeschlossenen Mailservern. Nur passierte die Weiterleitung der Mail eben nicht permanent, sondern immer punktuell, da die Rechner eben nicht ständig verbunden waren, sondern sich in bestimmten Intervallen anriefen. Aber das Prinzip war das selbe. Zusätzlich zu der Mail gab es die so genannten "Bulletin Boards", vergleichbar mit den heutigen Newsgroups, die auf die selbe Weise verteilt wurden und wohl einen Hauptteil des Traffics ausmachten.

Die größten Zonen waren auch damals schon Nordamerika und Europa, und dort vor allem natürlich die Staaten und Deutschland. Es gab also definitiv damals schon Mailverkehr zwischen Amerika und Deutschland.

Die Szene.. 

Damals war das Benutzen oder gar das Haben einer Mailbox etwas sehr elitäres. Das Fidonet war damals bei weitem nicht so bekannt, wie es heute das Internet ist. Es war eine Technik für Computer Geeks und Akademiker. Aber es war eine extrem spannende Zeit, ich habe damals sogar einige SysOps (System Operators: Betreiber einer Mailbox) persönlich kennen gelernt, die auch heute noch zu meinen Bekannten zählen. Damals war es viel üblicher, dass man sich auch im tatsächlichen Leben traf, SysOp Treffen und User Treffen einer bestimmten Mailbox meist in Kneipen waren damals an der Tagesordnung.

Später, als das Internet immer mehr boomte, veranstalteten wir dann "Ausschaltparties". SysOps trafen sich bei einem Mailbox Sysop zu hause, der dann von anderen SysOps umringt feierlich den Ausschalter seiner Mailbox betätigte, was danach unter Austausch aller möglichen "Veteranen Stories" kräftig begossen wurde. :-D

SkullSoft 

Und ich habe damals meine Liebe zur Software Entwicklung entdeckt. :-) Ich hatte damals ein in der deutschen BBS Szene ziemlich bekanntes und beliebtes Shareware Programm gebaut, den SkullCheck. Das war ein Programm, dass nach einem Userupload einer Datei diese entpackte, auf Viren checkte und sonstigen Schnickschnack mit der Datei machte. An dem Programm habe ich wohl vor ca. 15 Jahren die letzte Zeile geschrieben, trotzdem fand sich der Name SkullCheck neulich noch in einer Google Suche, die auf mein Blog führte. :-D

Hach ja, man bekommt richtig romantische Gefühle, wenn man an diese geile Zeit zurück denkt. Heute kann man es sich kaum noch vorstellen, aber: JA! Es gab eine Zeit vor dem Internet! Sie war echt schön und wir waren damals die wahren Pioniere des elektronischen Datentransfers! :-D

An dieser Stelle liebe Grüße an Sven (Blog), Richi und Uwe! Wir müssten mal wieder "grillen"! :-)

 

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Kommentare

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Matthias Strack

Matthias Strack am :

Skullcheck war von dir?

Sauber, hatte ich auch im Einsatz auf der 'Riptide' :-)

Grischa

Grischa am :

Ah! Du bist auch ein Ex-SysOp? Das ist ja nett. :-)

Yep, SkullCheck war von mir, wie all das SkullSoft Zeug. :-) Leider weiß ich echt nicht mehr, auf welchen Disketten all die alten Pascal Sourcen sind, sonst hätte ich die damals in die Open Source gegeben.. Auch mein File der Registrierten ist leider weg, sonst hätte ich gleich mal geschaut, ob die Riptide da auch gelistet war. So aus Romantik Gründen, mir ist schon klar, dass damals viele mit Keymakern liefen.. ;-)

Matthias Strack

Matthias Strack am :

Jo ich glaub meins gehörte auch auch dazu.

Aber Sysop ist zuviel gesagt.

Die BBS lief nur ein knappes Jahr mit vielleicht 5 Usern.

War eigentlich nur Stromverschwendung :-)

Grischa

Grischa am :

Aber Spaß hat's sicherlich trotzdem gemacht, oder? :-)

Was hatteste denn für ne BBS? Ich hatte damals eine Remote Access und als Mailer zuerst glaube ich Fido, dann Portal of Powers und dann Binkley. Alles unter OS/2 damals.. Puoah.. Kommt mir alles verdammt lang her vor.. :-)

Matthias Strack

Matthias Strack am :

Oh frag mich nicht.

Irgendetwas was unter DOS lief und damals auf fast jeder BBS lief.

Grischa

Grischa am :

Jau, das wird dann wohl auch die Remote Access gewesen sein. :-)

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